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11.03.2026

"Mensch statt Musikbox": Ingewahrsamnahme bei nächtlicher musikalischer Ruhestörung war rechtswidrig

Die Ingewahrsamnahme eines Mannes durch die Polizei in Essen, der mit seiner Lebensgefährtin und lauter Musik ab Mitternacht in der gemeinsamen Wohnung seinen Geburtstag feierte, war rechtswidrig. Dies hat das Verwaltungsgericht ´(VG) Gelsenkirchen entschieden.

In den frühen Morgenstunden im August 2022 kam es am Wohnsitz des Klägers zu zwei Polizeieinsätzen. Eine Nachbarin hatte sich wiederholt über laute Musik beschwert. Die eingesetzten Polizeibeamten ermahnten bei ihrem ersten Einsatz den Kläger und seine Lebensgefährtin zur Ruhe. Sie drohten für erneuten Lärm an, die portable Musikanlage (Musikbox) sicherzustellen, eine Anzeige wegen Ordnungswidrigkeiten anzufertigen oder den Kläger in Gewahrsam zu nehmen.

Beim zweiten Einsatz derselben Beamten nahmen diese den Kläger in Gewahrsam und führten ihn dem zentralen Polizeigewahrsam Essen zu. Die Lebensgefährtin des Klägers gab die Musikbox heraus, die in den Gewahrsam mitgeführt, aber getrennt vom Kläger aufbewahrt wurde. Ein freiwilliger Atemalkoholtest ergab beim Kläger eine Blutalkoholkonzentration von circa zwei Promille. Er wurde am selben Tag gegen halb sieben Uhr morgens aus dem Gewahrsam entlassen.

Die Ingewahrsamnahme des Klägers war zur Überzeugung des VG Gelsenkirchen rechtswidrig. Seine Ingewahrsamnahme sei nicht im Sinne des nordrhein-westfälischen Polizeigesetzes "unerlässlich" gewesen, um die Fortsetzung der nächtlichen Ruhestörung zu verhindern. Zwar habe sich der Kläger bei den zwei Polizeieinsätzen uneinsichtig gezeigt und lautstark die Herausgabe der Musikbox verweigert. Die eingesetzten Beamten hätten ihn aber nicht bereits beim zweiten Einsatz in Gewahrsam nehmen dürfen. Die Polizei habe nicht nachvollziehbar darlegen können, weshalb sie zur Beendigung der nächtlichen Ruhestörung nicht allein die Musikbox sichergestellt habe.

Nach der Beweisaufnahme des Gerichts in der mündlichen Verhandlung war nichts dafür ersichtlich, dass die Ingewahrsamnahme des Klägers das schonendere Mittel gewesen wäre. Soweit die Polizeibeamten etwa einen gewalttätigen Widerstand des Klägers bei Sicherstellung der Musikbox befürchteten, wäre dieser noch mehr gegen seine eigene Ingewahrsamnahme zu befürchten gewesen. Unabhängig davon hätten die eingesetzten Beamten den Kläger jedenfalls noch vor Ort sofort aus dem Gewahrsam entlassen müssen, nachdem die Lebensgefährtin des Klägers ihnen die Musikbox übergeben hatte. Zu diesem Zeitpunkt habe die Polizei die Musikbox als Quelle der Ruhestörung in Besitz gehabt, sodass der bis dahin beanstandete Musiklärm nicht mehr zu erwarten war.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Beklagte kann die Berufungszulassung bei dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen beantragen.

Justizportal Nordrhein-Westfalen, PM vom 06.03.2026 zu 17 K 3775/22